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„Lehre die Menschen zu Fischen und sie können sich selbst ernähren“ aus der Bibel
Definition und Hintergrund
„Wenn ich Dich bitte, mir zuzuhören und Du fängst an, mir Ratschläge zu geben, dann tust Du nicht, worum ich Dich bitte!“ (unbekannter Autor, zitiert nach Thomas Gordon)
Aktives Zuhören ist auf das Engste mit der Technik des Spiegelns verwoben, die Gegenstand des folgenden Beitrags ist.
Definition
In der Gesprächsführung bezeichnet „Spiegeln“ eine Gesprächstechnik, bei der ein aktiv Zuhörender dem Sprechenden gegenüber das wiedergibt, was er hört und verstanden hat, bzw. was er glaubt, verstanden zu haben. Dabei wird darauf verzichtet, eigene Inhalte einzubringen — in dem man gerade nicht wertet, kommentiert, kritisiert o.ä. (Thomas Gordon zählt in diesem Zusammenhang 12 von ihm sogenannte „Kommunikationssperren“ auf, die hier häufig verwendet werden, Überblick siehe „Die neue Beziehungskonferenz“, S. 68).
Die Kurzformel lautet: Spiegeln = Rückübersetzen (Geissler).
In einem weiteren — hier nur in Grundzügen zu besprechenden - „Machiavellistischer“ AnsatzSinne beschreibt der Begriff des „Spiegelns“ auch ein taktisches Mittel, das vor allem „machiavellistisch“ zur Vorteilsgewinnung eingesetzt wird. Kurz gefasst wird hier zur Täuschung ein fremdes (von anderen erwartetes) Verhalten „gespiegelt“, um eigene Absichten zu verbergen.
Entstehung
Erste Ansätze dieser Technik finden sich bei Sigmund Freud (1856-1939), dem Vater und Begründer der Psychoanalyse, beschrieben: „Der Arzt soll undurchsichtig für den Analysierten sein und wie eine Spiegelplatte nichts anderes zeigen, als was ihm gezeigt wird."
Als eigentliche Väter der Methode gelten Carl Rogers (1902-1987) und Reinhard Tausch, die davon ausgingen, dass Persönlichkeitsentwicklung Selbstwerdung ist und durch Selbstexploration und Selbstannahme geschieht. Ihrem Menschenbild nach, auf dem die so bezeichnete klientenzentrierte Psychotherapie basiert, besitzt der Mensch dementsprechend eine angeborene "Selbst-Verwirklichungs-" und "-Vervollkommnungs-tendenz" (Aktualisierungstendenz), die, unter günstigen Umständen, für eine Weiterentwicklung und Reifung der Persönlichkeit sorgt.
Idee
Rogers und Tausch gehen davon aus, dass der — hier im therapeutischen Sinne - Hilfesuchende alles zu seiner Heilung Notwendige in sich trägt und selbst am besten in der Lage ist, seine persönliche Situation zu analysieren und Lösungen für seine Probleme zu erarbeiten.
aa. Die prinzipielle Idee hinter dem Spiegeln im engeren Sinne einer Gesprächstechnik mit helfender — manchmal therapeutischer Absicht — ist daher, dass man Hilfe in einer Weise erbringt, dass man etwas „mit“ und nicht „für“ jemanden tut - damit die Hilfe nicht „hilflos“ macht. Man assistiert als Zuhörer bei einer eigenverantwortlichen, selbsttätigen Problemlösung, anstatt Probleme für jemanden zu lösen, der das selbst kann — und können muss. Ansonsten nähme und nimmt man dem Sprecher die Möglichkeit, eine eigene Problemlösungskompetenz aufzubauen, bzw. zu erweitern.
Die Technik ist aber auch (zum Fremdnutzen) zu Zwecken der Manipulation einsetzbar, Journalisten verwenden sie oft taktisch zur Förderung des Redeflusses.
bb. Auch außerhalb der Gesprächstechnik wird das Prinzip (es ist erweiterbar, sodass sich der Grundgedanke sogar in militärischen Schriften wiederfindet, etwa bei Sun-Tzu) angewandt, eine umfangreiche Darstellung der Möglichkeiten würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.
Exkursorisch soviel: Nach taktischem Verständnis der Spiegelung wird oft eine Nachahmung von fremden Verhaltensweisen beschrieben, die zur Verschleierung eigener Absichten eingesetzt wird. Eine weitere pädagogische - in meinen Augen die wichtigste - Anwendung außerhalb des Gesprächs ist, dass man durch eine Spiegelung der Verhaltensweise einem anderen vor Augen führen kann, dass dessen Verhalten vernünftig oder unvernünftig ist.
Eine schöne Szene aus einer Comedy-Serie: ein Junge wirft sich mitten im Kaufhaus auf den Boden und trommelt und schreit wütend vor sich hin. Die erwachsene Aufsichtsperson macht das Gleiche. Pikiert steht der Junge auf, weil er die Lächerlichkeit des Vorgangs erkennt und wird sich wohl zum letzten Mal auf diese Weise benommen haben.
Nutzen
Das Spiegeln ist ein Werkzeug zur Verbesserung von Kommunikation und damit von Beziehungen. Für den Gesprächsführenden eröffnet das Spiegeln die Möglichkeit, zu signalisieren, dass er den Sprechenden versteht und in dies auch in Worte zu fassen - ohne sich in die Gefahr zu begeben, gleich zu interpretieren, zu deuten oder "Rat-Schläge" (die in diesem Moment wohl tatsächlich „Schläge“ gegen die Selbstexploration sind) zu erteilen. Weiterer Vorteil ist, dass man „Verstehen“ signalisiert, „inhaltliche Zustimmung“ aber gerade nicht. Die Formulierung: "Ich verstehe, dass Sie ..." ist deshalb meistens ungünstig, weil sie beim Sprechenden leicht das Gefühl der Zustimmung zu einer bestimmten Haltung oder Verhaltensweise auslöst.
Zudem kann der Zuhörende auch insoweit assistieren, dass er spiegelnd in Worte fasst, was der Sprecher nicht ausdrücken kann.
Für den Bereich der Gesprächsführung mit Kranken hat der Arzt Prof. Dr. Linus Geissler einmal folgende Vorteile zusammengefasst, die auch auf andere Lebensbereiche übertragbar sind:
„…
- Der Patient fühlt sich angenommen und verstanden.
- Spiegeln bedeutet für ihn, dass er Partnerschaft und Toleranz erhält.
- Spiegeln fördert die Selbstexploration des Patienten.
- Sie ermöglicht es dem Patienten, sein inneres Erleben, seine Gefühle, Einstellungen, Haltungen, Wünsche und Ziele deutlicher zu erfassen und besser mit ihnen umzugehen.
- Für den Arzt stellt Spiegeln eine methodisch klare Form der patientenzentrierten Gesprächsführung dar.
- Es ermöglicht dem Arzt, den richtigen Umgang mit Distanz und Nähe zum Patienten zu wählen.
- Spiegeln ist die eindrucksvollste Methode, um dem Patienten zu signalisieren, dass der Arzt ihm aktiv zuhört.“
Technik
Es stehen verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, die ein Spiegeln ermöglichen.
- Vorbereitung
aa. „Halten Sie den Mund!“ (Thomas Gordon).
bb. Wenden Sie sich körperlich zu!
cc. Nehmen Sie Augenkontakt auf!
dd. Nehmen Sie eine räumliche Distanz zu Ihrem Gegenüber ein, die dieser als angenehm empfindet.
ee. Machen Sie sich bewusst, dass Sie Assistent und nicht „Retter“ sind!
- Formale Technik
Es stehen vor allem drei sprachliche Methoden zur Verfügung, um Inhalte zu Spiegeln:
aa. Die wörtliche Wiederholung des Gehörten
bb. Die Paraphrasierung — d.h. der Spiegelnde wiederholt die Inhalte in eigenen Worten
cc. Verbalisieren — das, was an Emotionen des Sprechenden wahrgenommen wird, wird in Worte gefasst.
Wichtig ist, dass man sog. „schwebende Fragen“ verwendet, die nicht ausschließen, dass der Sprecher doch etwas anderes gemeint hat, als von dem Spiegelnden verstanden wurde.
- Beispiel
In Anlehnung an Thomas Gordon und Noel Burch („Die neue Beziehungskonferenz“) —
Die schluchzende Tochter sagt: „Seit 2 Jahren bin ich mit Alex zusammen und jetzt sagt er, dass er sich mit anderen Mädchen treffen will. Was soll ich bloß machen?“
Man ist nun versucht, das Problem der Tochter „in Besitz“ zu nehmen und mit einem Ratschlag zu antworten. Man verkennt aber, dass in solchen Fällen fast nie eine Antwort erwünscht oder erforderlich ist. Es ist das Problem der Tochter und sie hat das Recht (und die Pflicht sich selbst gegenüber) es selbst zu lösen. Was sollte man auch sagen oder tun? Alexander vergiften oder dazu raten? Man könnte aber wiederholen (Er will sich mit anderen treffen? — wobei ich die Gefahr sehe, dass man hier empört klingt, was eher kontraproduktiv weil wertend wäre) oder verbalisieren:
„Du bist verletzt und weißt nicht, was Du tun sollst.“
Diese Formulierung öffnet der Tochter die Tür zu weiteren Gedankengängen, mit denen sie sich „klardenken“ kann.
Literatur:
Geissler, Linus, „Begegnung im Gespräch“, 4. Auflage, Frankfurt 2002
Gordon, Thomas / Burch, Noel, „Die neue Beziehungskonferenz“, München 2002
Greene, Robert, „Power“, München 1999 |